Unwetter

Von Franz Giebel

Am Freitag, dem 10. Mai 2002 tobte in den westlich gelegenen Ortsteilen der Marktgemeinde Eiterfeld ein Unwetter. Innerhalb einer knappen 3/4 Stunde verwandelten sich Feldwege auf ihrer gesamten Breite in 10 - 20 cm tiefe wasserführende Sturzbäche. Diese wiederum führten dazu, dass sich Schlamm- und Geröllmassen in der Ortsmitte von Arzell bis zu einem Meter hoch auftürmten.

Gegen 19.30 Uhr zogen die Wolken aus Südwesten auf den Raum Eiterfeld zu, dann begann ein fürchterlicher Gewitterregen, der zunächst mit Hagelschlag begleitet war. Im Ortsteil Körnbach gingen durch diesen Hagelschlag die ersten Fenster in Wohnhäusern zu Bruch. Dies wiederum führte dazu, dass anschließend auch in die höher gelegenen Häuser Wassermassen eindringen konnten. Im Bereich des Tannenwaldes in der Gemarkung Leimbach wurden durch das Hochwasser Baumstämme mit einem Durchmesser bis zu 1,20 Metern und einer Länge von 8 Metern einfach hinweggespült. Gartenhäuser, Pkws, ja sogar ein Kasten- Lieferwagen wurden im Ortsteil Arzell durch die Fluten mitgerissen. Aber auch die Ortsteile in höheren Lagen, wie z. B. Mengers und der Schwarzenbörner Hof blieben von den Wassermassen nicht verschont. Auch hier liefen die Keller der Wohnhäuser wie in Betzenrod, Leimbach, Dittlofrod, Körnbach, Buchenau und Arzell voll.

Um 20.12 Uhr traf die erste Schadensmeldung bei der Leitfunkstelle in Fulda ein. Das Haus "An der Schlierbach 9" im Ortsteil Arzell war voll Wasser gelaufen. Noch bevor die ersten Feuerwehrleute das Feuerwehrhaus erreichen konnten, schossen die ersten braunen Flutwellen, die aus Richtung Leimbach / Betzenrod und Körnbach / Dittlofrod sowie von "Hisselsberg" und "Schoders" kamen, mit über einem Meter Höhe durch das Dorf. Danach gab es weitere Notrufe bei der Leitfunkstelle in Fulda aus anderen Arzeller Straßen. Es folgten Notrufe aus anderen Ortsteilen, so dass letztlich die 10 Feuerwehren aus der Marktgemeinde Eiterfeld, 3 Feuerwehren aus der Nachbargemeinde Rasdorf, die Feuerwehr Burghaun-Steinbach das Technische Hilfswerk aus Hünfeld, die FFW Hünfeld-Mitte mit einem Spezialfahrzeug zur Aufnahme von Öl sowie die Feuerwehr Fulda-Mitte mit ihrem Einsatzleitwagen alarmiert wurden. Rund 200 Helfer waren im Einsatz. Die Technische Einsatzleitung koordinierte die Einsätze in allen Ortsteilen mit ihrem Mitarbeiterstab vom Einsatzleitwagen 2 der Feuerwehr Fulda aus, der "Am Küppel" in Arzell eine Leitstelle eingerichtet hatte.

Nicht alle Hilfesuchenden konnte sofort durch das Auspumpen von Kellern geholfen werden, was teilweise auf Unverständnis stieß. Ausschlaggebend hierfür ist jedoch die Tatsache, dass man einen Keller erst dann auspumpen kann, wenn das den Keller umgebende Wasser einen niedrigeren Stand als das Wasser im Keller hat, da sonst die ausgepumpten Wassermassen zurücklaufen. Die Helfer mussten deshalb zunächst bei den höher gelegenen Häusern mit dem Auspumpen beginnen und sich zu den niedergelegenen Häusern vorarbeiten.

Aufgrund der immensen Schlamm- und Geröllmassen, die die Landesstraße 3170 und die Kreisstraße 146 in der Ortslage Arzell blockierten, war schnell erkennbar, dass die eigenen Mittel der Feuerwehren und des Technischen Hilfswerkes nicht ausreichten, um diese Schlammmassen zu beseitigen. Da ein Austrocknen der Schlammmassen unbedingt verhindert werden musste, wurden ab 22.00 Uhr durch die örtliche Ordnungsbehörde als Gesamteinsatzleitung in Absprache mit der Technischen Einsatzleitung Großräumgeräte eingesetzt. Hierzu gehörten u. a. 3 Radlader, 1 Schneepflug, Muldenkipper, Kehrbesen und Bagger von privaten Unternehmern, der Straßenmeisterei Hünfeld und dem Bauhof der Marktgemeinde Eiterfeld.

Gegen 6.00 Uhr am Samstagmorgen konnten die meisten Feuerwehren nach einem fast zehnstündigen Hilfeeinsatz abrücken. Die 21 Aktiven der Feuerwehr Arzell hatten dagegen noch bis 17.30 Uhr mit dem Reinigen der Straßen und Kanaleinlaufschächte zu tun. Hierbei wurde auch eine weitere Privatfirma mit 3 Spezialfahrzeugen eingesetzt, um die verstopften Rohre mit einem Druck von 120 Bar freizuspülen.

Nach Tagesanbruch war das ganze Bild der Verwüstung sichtbar. Die Wassermassen hatten die Bachläufe der Schlierbach und des Eitrabaches verlegt und verbreitert, zahlreiche Bäume entwurzelt, die Brücke in der Landesstraße 3431 im Ortsteil Körnbach zerstört, die Widerlager von 3 Brücken in der Gemarkung Buchenau freigespült, den Feldweg zwischen Buchenau und Arzell zerstört, Telekommunikations- und Starkstromkabel abgerissen und erhebliche Schäden in den Privathaushalten verursacht. Durch die Überflutungen in 50 Wohnhäusern wurden Waschmaschinen, Wäschetrockner, Kühltruhen und Heizungsanlagen, die zum Großteil bereits aufgrund der neuen Immissionsschutzverordnung erst vor kurzem erneuert wurden, sowie Mobiliar zerstört. Weitere Sachschäden entstanden während des Unwetters durch Blitzeinschläge. Auch hierbei wurden glücklicherweise keine Menschen getroffen. Jedoch richteten die Blitzeinschläge erhebliche Sachschäden an Gebäuden und Elektrogeräten an.

Um den Betroffenen zu helfen, wurden Sammelplätze für das zerstörte Mobilar in den Ortsteilen Arzell, Buchenau, Körnbach und Leimbach eingerichtet. Auf diesen Sammelstellen türmten sich dann innerhalb kürzester Zeit Unmengen von Hausrat, die durch das Hochwasser zerstört wurden. Zum Abtransport mussten wiederum Bagger und Großraumcontainer eingesetzt werden. Der Gesamtschaden an Infrastruktureinrichtungen und Privateigentum dürfte sich auf rund eine Million Euro belaufen.

Neben den sofort sichtbaren Schäden gab es erhebliche Schäden im Untergrund. So waren die Kanalnetze verschlammt und mussten umgehend gereinigt werden. Ein besonderes Problem stellte auch der knapp 500 Meter lange Schlierbachkanal im Ortsteil Arzell dar. Da dieser eine Breite von rund 3 m und eine Höhe von nur 1,50 m aufweist, war es notwendig, Spezialfahrzeuge zur Reinigung und ggf. zur Sanierung des Kanals einzusetzen.

Trotz dieses großen Hochwassers, den immens hohen Sachschäden und der großen Anzahl von eingesetzten Helferinnen und Helfern sowie des massiven Großgeräte- und Geräteeinsatzes ist es glücklicherweise zu keinem einzigen Personenschaden gekommen. Dagegen forderte das vergleichbare Hochwasser im Jahre 1966 ein Todesopfer im Ortsteil Arzell. Durch das Hochwasser am 10. Mai 2002 wurden wieder die schrecklichen Erinnerungen an das damalige Hochwasser bei vielen Bürgerinnen und Bürgern wachgerufen.

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